„Verändern um Leben zu retten“
Gedenkgottesdienst für verstorbene Drogengebrauchende,
am 21. Juli 2026 in der Franziskanerkirche Dorsten
Ansprache von Pfr. Christian Hüging, Dorsten Hervest,zu Lukas 10,30-37
Liebe Angehörige, Freunde, Freundinnen und Bekannte von Melanie, Silke, Regina, Mark, Lutz, Thomas und Karsten!
Sie waren Gäste im Café Kick; und beim Frühstück an der Klosterpforte; hatten dort Anlaufstellen; Orte, an denen sie willkommen waren, wo man sie mit ihren Namen kannte.
Sie hinterlassen eine Lücke – im Café Kick – an der Klosterpforte – in ihren Familien – in ihren Freundeskreisen und bei Bekannten. Sie werden vermisst. Vielleicht sogar schmerzlich vermisst. – Das ist gut so, denn jeder Mensch ist es wert, vermisst zu werden. Jede und jeder ist es wert, dass man sie/ihn in Erinnerung behält und seiner und ihrer gedenkt. – Das tun wir heute an diesem besonderen Tag, dem 21. Juli, dem „Gedenktag für die verstorbenen Drogengebrauchenden“.
„Verändern um Leben zu retten“ ist in diesem Jahr das Thema für diesen Gedenktag – das klingt wie eine Aufforderung. Ist damit gemeint? Wie: Los, tu etwas! – Oder ist das eher eine Perspektive, eine Ermutigung, eine Hoffnung wie: Da geht doch was, wenn wir wollen…?
Aber: Wer soll wen oder was verändern?
In unserer Gesellschaft ist die Ansicht weit verbreitet: Ändern sollen sich immer die anderen, denn ich selbst bin ja in Ordnung.
Es ist so leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen – und abfällig zu sagen: „Die da! Die mit den Drogen, die sollen sich mal ändern! – Ich hab mit denen nichts zu tun.“
Doch es gibt eine alte Weisheit, die sagt: Wenn ich mit dem Finger auf jemanden zeige, dann zeigen gleichzeitig drei Finger auf mich zurück. Drei Finger zeigen auf uns zurück – auf uns mit den vielen Süchte, die ganz legal in unserer Gesellschaft Menschenleben gefangen nehmen: Alkohol, Zigaretten, Konsum und Kaufrausch, das Smartphone und die (a)sozialen Medien, die Arbeitssucht, Tablettenabhängigkeit, Spielsucht… und noch mehr Abhängigkeiten sind tief in unserer Gesellschaft verankert, nur nicht so offensichtlich! Und sie sind legal. – Aber auch sie zerstören Leben.
„Verändern um Leben zu retten“ Wer soll wen oder was verändern?
Vielleicht hilft uns die Geschichte vom Barmherzigen Samariter weiter: Ich bin bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes auf einen Gedanken von Martin Luther King gestoßen:
Auf der Oberfläche der Geschichte gehen ein Priester und ein Levit an dem Verletzten vorbei und helfen ihm nicht. Der dritte, der Mann aus Samarien – übrigens ein Ausländer – der hilft dem Überfallenen und rettet sein Leben. Jesus zeigt uns den Samariter als vorbildliches Beispiel für Nächstenliebe.
Martin Luther King fragt nun: Was ist der Unterscheid zwischen den ersten beiden, die vorbeigehen, und dem Samariter? Und er macht eine ganz feine, hintergründige Beobachtung:
Der Preister/Levit fragen sich: „Was wird aus mir, wenn ich dem Verletzten helfe? Ich bringe mich ja selbst in Gefahr.“
Der Samariter fragt: „Was wird aus dem Verletzten, wenn ich ihm nicht helfe?“
Es ändert sich die Blickrichtung. Verändert wird das Ziel, auf das die Sorge ausgerichtet wird: weg von sich selbst – hin zum Überfallenen.
Das könnte eine erste Antwort sein auf die Frage „Wer verändert wen oder was, um Leben zu retten?“:
Ich zeige nicht mit dem Finger auf jemanden und sage: Der/die soll sich ändern!“ – Sondern ich frage: „Was wird aus ihm/aus ihr, wenn wir an ihnen vorüber gehen?“ Aus dieser Frage können Sorge und Achtsamkeit, gesellschaftliche Verantwortung und solidarisches Eintreten für andere erwachsen. – Jesus hat das “Nächstenliebe“ genannt. Und Nächstenliebe ist immer auch eine gesellschaftliche Frage: „Was wird aus ihm / was wird aus ihr, wenn ich an ihnen vorübergehe?“
„Verändern um Leben zu retten“
Der Samariter in Jesu Gleichnis hat sehr wahrscheinlich dem Überfallenen das Leben gerettet. Aber wie rettet man das Leben von Konsumenten illegaler Drogen? Wollen sie überhaupt gerettet werden?
Ich weiß es nicht; ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet.
Aber „Leben“ hat immer auch mit Würde zu tun: Unter welchen Bedingungen wir leben, wie wir angeschaut werden, wie wir geachtet und ernst genommen werden… das ist immer auch eine Frage der Würde.
Und wir rauben Menschen ihre Würde, wenn wir mit dem Finger auf sie zeigen, auf sie herabschauen – sie verächtlich machen, sie gesellschaftlich an den Rand drängen, ihnen keinen Raum zum Leben geben.
Wenn ich den Samariter aus dem biblischen Gleichnis in unsere Zeit hineinziehen könnte, würde seine innere Frage so klingen: „Was passiert mit seiner Würde, wenn ich achtlos an ihm vorüber gehe?“
Es geht nicht nur um Helfen oder Nicht-Helfen – sondern auch um Hinschauen oder Nicht-Hinschauen, den anderen sehen oder übersehen, ihn beachten oder verachten; ihn nicht sehen wollen. – Damit rauben wir einem anderen Menschen seine Würde. – Das gilt nicht nur für drogenabhängige Menschen, sondern für alle Menschen am Rand der Gesellschaft, z.B. auch für Ausländer und Geflüchtete.
Jeder Mensch – ob groß oder klein, ob arm oder reich, ob angepasst oder Außenseiter hat eine Würde. Und diese Würde darf niemals eingeschränkt oder verletzt werden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt unser Grundgesetz im 1. Artikel.
Würde kann man sich nicht erarbeiten oder erwerben. Sie ist uns Menschen von Gott gegeben. Darum hat jeder Mensch dieselbe Würde. Und sie darf keinem Menschen genommen oder eingeschränkt werden.
„Was wird aus seiner Würde, wenn ich achtlos an ihm vorüber gehe?“ das sollten wir uns fragen.
In dem Schritt von „Was wird aus mir?“ zu „Was wird aus ihm, wenn ich achtlos vorübergehen?“ liegt eine grundlegende Veränderung, die Leben und Würde retten kann.
Wenn wir heute miteinander und vor Gott an sieben Menschen gedenken, dann achten wir damit ihre Würde. Wir wertschätzen, dass sie mit uns gelebt haben; dass sie Zeit und Aufmerksamkeit mit uns geteilt haben. – Wenn das Café Kick seine Türen öffnet, drogenabhängigen Menschen Schutz vor Regen und Kälte bietet und die Möglichkeit gibt, einander zu begegnen und nicht allein sein zu müssen – und wenn zuletzt die Namen der Gestorbenen in den großen Baum an der Wand im Café gehängt werden, dann wird auch damit der Würde Raum gegeben. Amen.









